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Inside Sophie: The Journal of Living in Qatar #1.



Währenddessen sich die Sonne am Himmel immer weiter nach unten bewegt, kreisen meine Gedanken von einer Erinnerung zur Nächsten. Die Erlebnisse der letzten 13 Tage überschlagen sich und eigentlich weiß ich gar nicht so recht, wo ich beginnen sollte. Ich kehre zum 12.August zurück und hole ein bisschen aus.


Inside Sophie ist eine Kategorie, die ich in Deutschland etabliert habe, um euch ein paar Outfits zu zeigen, ein paar Tipps zu geben und die Woche zu reflektieren. Nach langem Hin und Her und auch der Umfrage auf Instagram, habe ich mich weder für die eine noch die andere Idee entschieden. Mein Leben ist anders, kompliziert und die letzten Wochen sehr sehr stressig. Allerdings weiß ich, dass das hier ein Lebensabschnitt sein wird, an welchem Deutschland wieder anschließen wird. Deswegen werde ich Inside Sophie und Journal of Doha verbinden. Somit verknüpfe ich in ein Land, welches glänzt und glitzert und einen äußerst charmanten Schein pflegt, mit meinen deutschen Wurzeln.


Gemacht

12. August. 2022: Platz 22E – Mist, genau in der Mitte – Eigentlich war ich mir sicher, dass ich den Platz am Fenster ausgewählt hatte, aber anscheinend war dem nicht so. Zum Glück habe ich es in den Flieger geschafft, denn mit 15kg Handgepäck wollte mich die Frau am Check-In dann doch nicht einreisen lassen. Die 10-tägige Odyssee startete also bereits in München am Flughafen. Nachdem ich einen Koffer, 5 Paar Schuhe und meinen Jogginganzug aus Kaschmir, den ich unfassbar vermisse, meinen Trenchcoat und diverse Kleidungsstücke meinen Mädels in die Hand gedrückt hatte, ging ich zurück zum Check-In. Der Flug war ok, das Essen in Ordnung, aber obwohl Qatar-Airways immer so in den Himmel gepriesen wird, war es am Ende gar nicht so besonders.

Angekunft in Doha: Ortszeit 0:25 – Sehr geehrte Damen und Herren, wir möchten Sie darauf hinweisen, dass ihr erster Arbeitstag bereits morgen ist. – UFF. Ein entspanntes Ankommen war ab diesem Moment zu einer Illusion geworden. Eingeloggt ins WLAN bestellte ich mir einen UBER. Da ich allerdings bis Dato noch keine katarische Nummer hatte, ich nicht im Besitz von Internet war, wurde irgendwie, während der Fahrt, die Buchung gecancelt. Mit Händen und Füßen erklärte ich dem Inder, dass ich nicht weiß, wieso es nicht funktioniert und ich ihm den Preis auch Bar geben könnte, aber nur in Euro, da ich natürlich auch noch kein Geld gewechselt hatte. Freundlich sind sie hier alle, helfen können sie dir nie, was ich bereits in dieser Nacht feststellte. Dennoch nahm er schlussendlich die 10€ und ließ mich nicht allein auf der Autobahn stehen.

Zwei Koffer, eine Tasche und einen Beutel schleppte ich in das Hotel, um mir dann sagen zu lassen, dass ich zum Einchecken in einen anderen Tower muss. Das Wasser lief mir selbst um halb 2 die Stirn herunter und meine Euphorie hatte sich mit Müdigkeit und Frustration vermischt.

Ich nahm den Fahrstuhl zum Stockwerk sechzehn, stoppte zwischendurch auf einem Flur, der voller Müll, Bauschutt, Glas, Schimmel und Dreck nicht mehr bewohnbar war. Meine Unterkunft, ein richtiges Ratttenloch, welches nicht nur gesundheitsgefährdend ist, sondern auch mit Mobiliar ausgestattet ist, welches nicht mal mehr mit eine Generalüberholung zu retten wäre. Ich war müde, kaputt, es ist heiß und ich schaffte es nicht mal mehr zu duschen, weil ich binnen von Sekunden todesmüde im Bett einschlief.


13.August. 2022: Es ist Samstag, der Wecker klingelt um sieben, ich geh duschen, ziehe mir etwas an und treffe mich mit ein paar neuen Kollegen in der Lobby. Gemeinsam fuhren wir in die Schule, welche uns eher emotionslos empfing. Ein Termin jagte den Nächsten. Total überfordert, übermüdet und hungrig hörten wir der Bank zu, fuhren zur Blutgruppenbestimmung und zum Fotografen.

16 Uhr, der Magen existierte nicht mehr, ich war erschöpft und kraftlos, aber noch heute müssen wir eine neue Nummer beantragen, eine App downloaden, einen Antigentest machen und alles bis 21 Uhr uploaden.

Total gestresst fuhren wir Mädels in die Mall für die Prepaidkarte um uns dann sagen zu lassen, dass wir zu einer anderen Mall fahren müssen, weil es nur dort gehen würde. 2 Stunden später saßen wir im Foodmarket einer von Menschenmassen gefüllten Mall. Der Inder von ooredo hat uns das Ohr abgekaut, es gefühlt siebenmal erklären müssen und am Ende doch die falschen Kreditpoints auf unsere Karte übertragen. Das warme Essen gab Energie – 19:00, zu Fuß, was eine für unseren noch nicht akklimatisierten Körper eine eher schlechte Idee war, liefen wir zur ersten Mall zurück, um dort eine Antigentest zu machen. Denn hier geht alles nach der Reihe und für alles benötigt man eine App, die ich nur nutzen kann wenn ich eine Nummer habe. In diese muss ein negativer Covid-Test eingefügt werden. 5 Ladies standen also das zweite Mal in der Mall. Der Doktor am Empfang sagte uns dann aber, dass es heute zu spät für den Test sei. Total panisch und hysterisch erklärten wir ihm, dass wir nicht mehr ohne Test in das Hotel kommen und wir sonst auf der Straße stehen.

22:00 Uhr lag ich zitternd, komplett erschöpft, aber mit einer App, einer Nummer und einem Antigentest in meinem Bett und ließ mich von meinen Gedanken in den Schlaf treiben.


14. August. 2022: Tag 2 und es fühlt sich an, als wenn ich schon zwei Wochen hier wäre. Gemeinsam wurde, dieses Mal allerdings mit einem Frühstück, in den Tag gestartet. Abgesehen davon, dass ich überhaupt keinen Plan habe, hier auch Dinge nur durch Zufall beantwortet werden, ich das Klassenzimmer dekorieren und einrichten muss, aber überhaupt keine Ahnung habe wie oder womit, saßen wir bis 17 Uhr in der Schule, weil eine Fortbildung auch unbedingt notwendig ist … nicht.

Ich hing noch ein paar Stunden dran, denn spätestens nach der Woche konnte ich das Laminiergerät nicht mehr anschauen. Trotzdem versuchte ich mich zu organisieren und irgendwie die Aufgaben zu bewerkstelligen.


15. August. 2022: Weiter ging die Fortbildung, die es wirklich nicht gebraucht hätte. Bis 16 Uhr muss das Klassenzimmer fertig sein – Bitte was? Wie, Womit, Was soll alles vorhanden sein. Irgendwann habe ich aufgeben und es einfach nur ordentlich hergerichtet, denn um 15:30 mussten wir auf die Behörde.

Röntgen und Bluttest für die QID. Diese brauchen wir, um ein Apartment oder ein Auto zu mieten. Sie ist im Grunde unser Ausweis.

Diktatorisch wurden wir wie Tiere durch die Räume gepfercht. Auf die Bitte, eine Bleischürze umzulegen wurde genervt reagiert, die Blicke der Frauen hinter Tüchern und schwarzen Gewändern, brannten förmlich auf der Haut. Ihre Abneigung spürte wir, überall wo wir hinsahen. Lange Shirts, Bodenlange Röcke und selbst die Maske war für die Frauen ein Grund zu verurteilen, denn im Grunde gelten wir hier als eine N**, egal ob mit Jeans oder kurzer Hose. Der Bluttest war eher ein, wie ramme ich am schmerzvollsten die Spritze in den Arm und abgesehen davon, dass ich heute nicht weiß, wieso ich den Test überhaupt machen muss, habe ich in dieser Situation nicht mehr daran gedacht, nachzufragen.

Zurück in der Schule versuchte ich noch die letzten Details zu verändern und verkroch mich zu Hause erschöpft in meinem Bett.


16. August. 2022: 07:20, verdammt wir sind zu spät, der Verkehr ist verrückt – wir brauchen 20 Minuten länger und an jeder Ampel staut sich der Verkehr. Total hektisch renn ich in die Schule, werfe meine Tasche in die Ecke und versuche mich zu orientieren. 7:40 Mainhall, die Kinder abholen und nach oben führen. Irgendwie wurschtelte ich mich durch den Tag, huschte in jeder Pause in die anderen Klassenzimmer, um zu fragen, wohin die Kinder gehen sollen und ob jetzt Pause ist. Der Drucker glühte und gab nach Arbeitsblatt vier den Geist auf. Der Beamer funktioniert nicht, woher bekomm ich Papier, die Folien sind alle und die Kinder, ach ja die gibt es auch noch. Das Einzige, was ich mehrmals am Tag hörte, war: die erste Woche ist immer ein bisschen hart … naja ich finde das für einen Berufsanfänger mit einer Klassenleitung, in einem neuen Schulsystem einer Ganztagsschule und ohne Plan, milde ausgedrückt.

2:45 Feierabend, für die Kinder. Auch heute blieb ich noch in der Schule, denn das Internet im Hotel ist neben dem wirklich unerträglichen Lebensstandard nicht zu benutzen. Besser gesagt kann ich sowie nichts ausdrucken, wieso ich einfach weiterhin in der Schule laminierte, dekorierte und ausschnitt.


17. August. 2022: Noch immer weiß ich nicht, mit welchen Büchern die Kinder arbeiten. Klassendienste und Regel wurden besprochen und irgendwann habe ich beschlossen, einfach zu machen, wie ich denke. Ich bekomme hier keine Hilfe, es kommt aber auch keiner und beobachtet oder kritisiert. Ich mache ebenso mein Ding und stelle relativ schnell fest, was funktioniert und was nicht. Ich kann nicht mehr, ich brauche eine Pause und selbst mit Freunden telefonieren, ist schwierig. Ich bin erschöpft ja, aber das Problem ist meine Stimme. Wenn ich aus der Schule komme, brauche ich Stille und will einfach nicht mehr reden, denn ich muss sooooo viel reden.

Nachdem ich 40 Riyal, was circa 10 € sind, in ein Haarspray investierte, beschäftigte ich mich zuhause mit dem Apartment.

Abgesehen davon, dass es nichts gibt, ist das, was es gibt, brutal teuer, nicht möbliert oder furchtbar ausgestatte. Wegen der WM dreht dieses Land durch. Sie haben zu wenig Hotels, wie Tickets verkauft wurde, wieso die Bewohner zum Teil aus ihren Apartments gezogen sind. Dennoch habe ich einen Zeitdruck, denn am 11. September stehe ich auf der Straße.


18. August. 2022: Donnerstag – der letzter Tag dieser Woche und ich fühle mich erschlagen, kaputt und trotzdem so unter Strom gesetzt, dass ich meinen Körper zeitweise nicht mehr spüre. Die Bücher kommen, die Abläufe werden ritualisierter und mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt, vieles nicht zu wissen. Den Perfektionismus verbanne ich in die Ecke und versuche mich von Tag zu Tag zu hangeln. Heute Abend wird auf jeden Fall gefeiert. Und so setzte ich das auch in die Tat um. 12 Stunden und drei Sangrias später, saß ich im Uber nach Hause. Die Drinks spürte ich und gut angetrunken fiel ich in einen tiefen, kurzen und schweren Schlaf. Die mexikanische Bar in Doha hat mir am Ende dieser Woche den Rest gegeben, denn inmitten von Bierbänken, die mich an den Ballermann erinnern, einer Freundin, die auf der Toilette umkippt und eher mühsamen Gesprächen, sagte mir mein Körper um Mitternacht, dass ich dringend ein Bett brauche.


Getragen


Geplant

Stay tuned, denn bereits am Sonntag teile ich mit euch die zweite Hälfte dieses chaotischen Ankommens.